Das ist eine globale Ökokrise. #2: Artenverlust

Vor ein paar Monaten war ich auf einer Nachhaltigkeitskonferenz, bei der ein Vertreter des deutschen Club of Rome die Auftaktrede hielt. Er präsentierte die klassischen globalen Nachhaltigkeitsfelder und begann mit folgendem Statement:

In den letzten Jahrzehnten ist uns bewusst geworden, dass die Zusammenhänge miteinander zusammenhängen.

 

Schmunzeln beim Publikum, doch seitdem muss ich fast ununterbrochen an diese leicht komische Aussage denken. Sie trifft den Kern der Nachhaltigkeitsdebatte so gut, dass ich kaum eine passendere Beschreibung des Nachhaltigkeitsdiskurses finden kann. Ein Bereich, der dies unweigerlich widerspiegelt ist der weltweite Artenverlust, dem ich mich in der Ökokrise-Serie nun widmen möchte.

Mit jeder sterbenden Art geht ein Stück Zukunft der menschlichen Existenz verloren.

Umweltorganisationen und selbst staatliche Institutionen wie das Bundesamt für Naturschutz oder das Umweltbundesamt schlagen schon seit Längerem Alarm. Noch nie sind so viele Lebensarten ausgestorben, wie in den letzten Jahrzehnten. Aktuelle Zahlen zeigen, dass über die Hälfte der weltweiten Flächen von massenhaftem Artenverlust betroffen sind. In zwei von drei besonders schützenswerten Flächen, den sogenannten Biodiversitäts-Hotsports, hat der Artenverlust schon kritische Werte erreicht. Insgesamt ist ein Viertel der weltweit bislang untersuchten Arten bedroht. Erschreckende Erkenntnis: Das Artensterben hat die globalen planetaren Belastbarkeitsgrenzen längst überschritten und gilt als eines von vier Hauptrisiken für eine langfristige Sicherung der menschlichen Existenz. Globale Ziele zur Eindämmung des Artenverlusts wurden nicht erreicht – viel schlimmer noch – das globale Artensterben übersteigt derzeit die angenommene natürliche Aussterberate um das 100- bis 1.000-fache. Ganze Ökosysteme drohen zu kippen – selbst die tropischen Regenwälder sind davon betroffen; aktuell werden pro Minute Flächen so groß wie 35 Fußballfelder abgeholzt, pro Jahr entspricht das die Größe von Griechenland. Warum müssen hier etwas tun?: Nun, in den Regenwäldern, die ungefähr 7% der globalen eisfreien Landmassen ausmachen, sind über 90% der Tier- und Pflanzenarten versammelt – ganz einfach: stirbt der Regenwald, dann stirbt die Welt.

Unser weltweites Ökosystem ist ein sehr komplexes Zusammenspiel von ganz unterschiedlichen Faktoren. Man kann sich das wie ein riesen Jenga-Spiel vorstellen. Die Stabilität des Turmes wird von den vielen einzelnen Steinen hergestellt. Werden einige der Steine herausgenommen ist das auf dem ersten Blick nicht so schlimm und der Turm bleibt stehen; doch ab einem bestimmten Punkt droht dann der ganze Turm einzustürzen – man weiß aber nicht genau, welcher Stein den Turm zum Wanken bringt.

Die Gründe für das Artensterben sind sehr vielfältig, aber fast alle hängen mit dem Menschen zusammen. Ich möchte hier nicht auflisten, was alles zerstört wird und warum – das könnt Ihr gern hier lesen – sondern eher darstellen, was die biologische Vielfalt für uns Menschen bedeutet.

Es gibt viele Gründe, Biodiversität zu erhalten und zu bewahren – ökologische, ökonomische, soziale und auch ethische. Der offensichtlichste ist, dass die biologische Vielfalt die Grundlage für das Leben auf der Erde und für die sogenannten „Dienstleistungen der Ökosysteme“ ist.

Das heißt, zerstören wir die biologische Vielfalt, dann sägen wir sprichwörtlich den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Ein sehr beliebtes Beispiel sind Bienen: Sie bestäuben unsere Obstbäume und andere Blütenpflanzen. Ein Großteil der Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, hängt direkt von der Insektenbestäubung ab. Aber die Bestäubung ist nicht so einfach, denn Blüten sind sehr verschieden: Sie unterscheiden sich unter anderem in ihrer Größe, in der Menge an Nektar oder der Lage der Nektarien. Dies führt dazu, dass nicht jede Biene jede Blüte nutzen und bestäuben kann. Die Honigbiene kann z.B. nur einen Teil der Blütenpflanzen bestäuben. Deshalb braucht es viele Wildbienenarten, um die Biodiversität zu sichern. Sie bestäuben oftmals viel effizienter als andere Insekten oder die Honigbiene. Blütenvielfalt braucht Bestäubervielfalt! Auch viele unserer Kulturpflanzen – etwa Äpfel, Birnen, Beeren oder Tomaten – müssen bestäubt werden, damit wir die Früchte ernten können. Ohne die Bienen könnten Obstbäume keine Früchte und Blumen keine Samen bilden. Gibt es keine Wildbienen mehr, dann haben wir ein Problem. In Teilen Chinas führt das z.B. dazu, dass nun Menschen den Job der Bienen übernehmen und selbst die Blüten bestäuben. Skurril aber wahr.

Wenn Menschen zu Bienen werden.

Niemand weiß, ab wann die Ökosysteme ihre Dienstleistungen nicht mehr erbringen können und ab wann der Artenverlust endgültig die Leistungsfähigkeit der Ökosysteme spürbar einschränkt. Nur eines steht fest: Wenn wir Ökosysteme oder ihre Bestandteile vernichten, verändern wir auch ihre Fähigkeiten, wichtige Dienstleistungen für uns Menschen zu erbringen. Das ist, als würden wir wichtige Teile aus einem Auto ausbauen, ohne dass wir deren Bedeutung kennen und dennoch erwarten, dass wir mit vollem Tempo weiterfahren können.

Deshalb sollten wir uns bewusst werden, wie wichtig es ist, unsere Ökosysteme zu erhalten. Was kann jeder von uns tun?

  • Wenn Du in der Natur unterwegs bist, dann halte dich an Naturschutzgebiete und abgesperrte Zonen und bleib auf den markierten befestigten Wegen. Nimm in Naturschutzgebieten auch keine Arten aus ihrem natürlichen Umfeld mit – einer Blume geht es auf ihrer Wiese viel besser als in einer Vase auf der Fensterbank. Insgesamt solltest Du immer nur geringe Mengen an Beeren, Pilzen oder Kräutern bei Spaziergängen pflücken.
  • Du hast einen Garten? Dann pflanze Hecken an und lass sie blühen. Achte aber auch darauf, dass es möglichst heimische Arten sind. Versuche außerdem, eine große Vielfalt an bunten, einheimischen Blumen anzupflanzen. Schmetterlinge, Bienen und Co. werden sich freuen. Mähe nicht ständig den Rasen – halte auch eine Fläche mit wild wucherndem Rasen im Garten. Du willst mehr wissen? Gern:
  • Achte beim Einkaufen von Lebensmitteln oder Möbeln auf vertrauenswürdige Label oder Siegel bzw. auf regionale und saisonale Produkte. Auch der Kauf von Bioprodukten kann einen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten, indem bei ihrem Anbau auf Pestizide und künstliche Düngemittel verzichtet.
  • Erkundige dich nach bedrohten Arten in deiner Gegend und unterstütze ggf. Schutzprojekte.
  • Sei klimafreundlich unterwegs (schau doch mal in diesen Artikel). Klimaschutz ist auch gleichzeitig Artenschutz.
  • Geh raus in die Natur und erlebe die Schönheit unserer Umgebung. Denn es ist ganz simpel: Man kann nur das schützen, was man kennt und was einem etwas wert ist. Mach doch einmal einen Ausflug in einen nahe gelegenen Naturpark oder ein Biosphärenreservat und unternimm eine geführte Wanderung mit einem Natur- und Landschaftsführer. Dort kannst du hautnah erleben, worüber wir gerade gesprochen haben.

Nun gut, auch hier ist klar: Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten, aber das Große und Ganze lässt sich vor allem durch größere Stellschrauben verändern. Dafür brauchen wir eine nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, von ihnen darf keine schädigende Wirkung mehr ausgehen. Alle Landwirte, die nachhaltig produzieren, müssten wirtschaftlich gut dastehen – also durch Steuererleichterungen oder andere Vorteile belohnt werden. Eine Landwirtschaft, die die Umwelt schädigt und die Artenvielfalt bedroht, müsste entsprechend unwirtschaftlich sein – dafür muss die Politik sorgen. Wir brauchen auch ein gutes Netz von Schutzgebieten. Schutzgebiete sollten immer ein Biotopverbund sein, damit Austausch stattfinden kann. Und wir brauchen einen bestimmten Anteil der Landesfläche völlig ohne Nutzung.

Die Bundesregierung will zwei Prozent der Landfläche als Wildnisgebiete ausweisen und fünf Prozent des Waldes ungenutzt lassen. Das sind Versprechungen, die wir alle einfordern sollten, auch im Rahmen von Petitionen und Demonstrationen. Es klingt banal aber das sind wirklich wichtige Themen, um die sich unsere politischen VertreterInnen kümmern sollten, wenn sie wollen, dass es uns in Zukunft auch noch gutgehen soll. Lasst uns alle die Lobby der Natur sein; wir werden es von ihr in einem unermesslichen Maße gedankt bekommen.

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